Berliner Modell vs. Münchner Modell — welches Eingewöhnungs-Konzept passt zu Ihrem Kind?
Zuletzt aktualisiert: 17. April 2026 · Fachredaktion Singify
Bevor ein Kind in die Kita kommt, stoßen Eltern meistens auf zwei Namen: das Berliner Eingewöhnungsmodell und das Münchner Eingewöhnungsmodell. Die Kita-Leitung erwähnt beiläufig, nach welchem der beiden Modelle die Einrichtung arbeitet. Für Eltern ist das selten selbsterklärend. Was ist eigentlich der Unterschied? Ist eines besser? Welches passt zu unserem Kind?
Dieser Beitrag zeigt die beiden dominierenden Eingewöhnungsmodelle im direkten Vergleich — ihre Herkunft, ihre Phasen, ihre Unterschiede und welches wann besser passen kann.
Warum es überhaupt verschiedene Modelle gibt
Bis in die 1980er Jahre hinein gab es in Deutschland keine strukturierte Eingewöhnung. Kinder wurden am ersten Kita-Tag einfach abgegeben — oft mit Tränen, manchmal mit Gewalt gegen den ausgestreckten Arm der Mutter. Eine Studie an der Freien Universität Berlin aus dieser Zeit zeigte: Kinder, die ohne elterliche Begleitung eingewöhnt wurden, waren in den ersten sieben Kita-Monaten deutlich häufiger krank, zeigten irritiertes Bindungsverhalten und einen geringeren Entwicklungsstand.
Diese Ergebnisse lösten in der Frühpädagogik ein Umdenken aus. In den folgenden Jahren entstanden zwei wissenschaftlich fundierte Modelle, die heute die deutschsprachige Kita-Landschaft prägen.
Das Berliner Eingewöhnungsmodell
Das Berliner Modell wurde von Hans-Joachim Laewen, Beate Andres und Éva Hédervári-Heller am INFANS-Institut für angewandte Sozialisationsforschung/Frühe Kindheit e. V. entwickelt. Es stützt sich auf die Bindungstheorie des britischen Psychiaters John Bowlby und berücksichtigt die unterschiedlichen Bindungsqualitäten des Kindes zu seinen Eltern.
Die Grundidee:Die Eingewöhnung wird strukturiert in vier Phasen über ein bis drei Wochen. Ab dem vierten Tag findet ein erster, klar begrenzter Trennungsversuch statt. Die Reaktion des Kindes entscheidet über das weitere Vorgehen.
Die vier Phasen:
- Grundphase (Tag 1–3): Ein Elternteil begleitet das Kind täglich 1–2 Stunden in die Kita. Keine Trennung. Das Kind beobachtet, die Bezugserzieherin nähert sich behutsam an.
- Erster Trennungsversuch (Tag 4): Der Elternteil verabschiedet sich und verlässt für maximal 30 Minuten den Raum, bleibt aber in der Einrichtung. Die Reaktion entscheidet: Gleichmütig oder schnell beruhigbar → Ausdehnung der Trennung. Untröstlich → Abbruch und Neuansatz zwei bis drei Tage später.
- Stabilisierungsphase: Die Fachkraft übernimmt zunehmend Pflegeroutinen wie Füttern und Wickeln. Die Trennungszeiten werden schrittweise ausgedehnt.
- Schlussphase: Die Bezugsperson verlässt die Einrichtung, ist telefonisch erreichbar. Das Kind kann mehrere Stunden in der Gruppe verbringen und hat eine tragfähige Bindung zur Erzieherin aufgebaut.
Die Gesamtdauer liegt nach Braukhane und Knobeloch (2011) typischerweise bei ein bis drei Wochen — das Kind bestimmt das Tempo.
Das Münchner Eingewöhnungsmodell
Das Münchner Modell geht auf ein Forschungsprojekt der Freien Universität Berlin unter Leitung von Prof. Dr. E. Kuno Beller zurück, das von 1987 bis 1991 in Münchner Kinderkrippen stattfand (sogenanntes „Beller-Projekt“). Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll haben das Modell in ihrer Arbeit „Anfang gut? Alles besser!“ (2013) in Theorie und Praxis ausgearbeitet.
Die Grundidee:Anders als das Berliner Modell basiert das Münchner Modell nicht primär auf der Bindungstheorie, sondern auf der Transitionsforschung — also der Wissenschaft von Lebenübergängen. Das Kind wird als kompetenter, aktiver Mitgestalter seines Übergangs verstanden: Es „gewöhnt sich ein“, statt „eingewöhnt zu werden“.
Die fünf Phasen:
- Vorbereitungsphase: Eltern und Bezugserzieherin lernen sich kennen. Gespräche über das Kind, seine Gewohnheiten, Wünsche und Erwartungen an die Kita. Manche Einrichtungen nutzen Hausbesuche.
- Kennenlernphase (Woche 1): Das Kind kommt mit einem Elternteil in die Einrichtung. Keine Trennungsversuche. Das Kind beobachtet den Kita-Alltag.
- Sicherheitsphase (Woche 2): Die Erzieherin übernimmt aktiv Interaktionen. Pflegeroutinen werden schrittweise übertragen. Trennungsversuche finden noch nicht statt.
- Vertrauensphase: Erste kurze Trennungen. Das Kind zeigt, dass es Vertrauen zur Erzieherin gefasst hat.
- Auswertungsphase: Gespräch zwischen Eltern und Fachkräften über den Verlauf. Dokumentation, was gut lief, was für zukünftige Übergänge zu beachten ist.
Die Gesamtdauer liegt typischerweise bei drei bis vier Wochen.
Die wichtigsten Unterschiede im direkten Vergleich
| Aspekt | Berliner Modell | Münchner Modell |
|---|---|---|
| Dauer | 1–3 Wochen | 3–4 Wochen |
| Anzahl Phasen | 4 | 5 |
| Erste Trennung | Tag 4 | nach 1–2 Wochen |
| Theoretische Basis | Bindungstheorie (Bowlby) | Transitionsforschung |
| Rolle des Kindes | wird eingewöhnt (eher passiv) | gewöhnt sich ein (aktiver Mitgestalter) |
| Entwickelt von | Laewen, Andres & Hédervári (INFANS) | Beller-Projekt München 1987–91 / Winner & Erndt-Doll 2013 |
Welches Modell ist „besser“?
Die ehrliche Antwort: Keines ist per se überlegen. Beide sind wissenschaftlich fundiert, beide funktionieren — mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Das Berliner Modellkann bei Kindern mit sicherer Bindung und stabilem Temperament schneller zum Ziel führen. Die klare Struktur mit dem früheren Trennungsversuch gibt Familien einen nachvollziehbaren Fahrplan. Für Eltern, die schnell wieder arbeiten müssen, kann die kürzere Gesamtdauer pragmatisch wertvoll sein.
Das Münchner Modellnimmt deutlich mehr Zeit, respektiert aber in höherem Maß das individuelle Tempo des Kindes. Gerade für sensible, vorsichtige oder spätzündende Kinder kann die längere Kennenlernphase ohne Trennungsdruck der Schlüssel zum Erfolg sein. Die aktive Rolle, die dem Kind zugeschrieben wird, reduziert potenziell Stress.
In der Praxis mischen viele Einrichtungen mittlerweile Elemente beider Modelle. Sie halten am Vier-Phasen-Rahmen des Berliner Modells fest, integrieren aber die längere, ruhigere Kennenlernphase des Münchner Modells.
Was Eltern konkret unternehmen können
Unabhängig vom Modell, das die Einrichtung wählt, gibt es einige Dinge, die Eltern selbst tun können:
- Flexible Zeitplanung. Planen Sie mindestens drei Wochen Zeit ein, in denen ein Elternteil tagsüber flexibel zur Verfügung steht — auch wenn das Berliner Modell offiziell schneller gehen soll. Puffer sind kein Zeichen mangelnden Vertrauens, sondern realistische Vorbereitung.
- Ein Ritual einführen. Ein Lied, ein bestimmter Satz, ein Gegenstand (das Kuscheltier, ein Schnuffeltuch), der jeden Morgen mitkommt. Diese Rituale geben dem Kind Orientierung und werden schnell zu akustischen oder haptischen Ankern.
- Ehrlich verabschieden. Nie heimlich verschwinden. Auch wenn das Kind weint: Der Abschied muss sichtbar und benannt stattfinden. Heimliches Gehen untergräbt das Vertrauen dauerhaft.
- Rückschritte akzeptieren. Nach einem erfolgreichen Tag kann plötzlich wieder ein schwieriger Tag kommen. Das ist kein Rückschritt, sondern normal. Die Eingewöhnung verläuft selten linear.
- Ein persönliches Lied als Brücke. Manche Familien setzen bewusst ein Lied ein — zu Hause und in der Kita gesungen —, das den Namen des Kindes enthält. Das Lied fungiert als akustische Brücke zwischen den beiden Welten und macht die Übergänge emotional vertrauter.
Was beide Modelle gemeinsam haben
Jenseits der Unterschiede gibt es fundamentale Gemeinsamkeiten, die beide Modelle teilen:
- Die Anwesenheit einer vertrauten Bezugsperson in den ersten Tagen ist unverzichtbar. Kein seriöses Modell verlangt von Kindern, sofort allein in der Kita zu bleiben.
- Die Mindestdauer von drei Tagen gilt in beiden Modellen als absolutes Minimum. Schnellere Eingewöhnungen werden in der Fachliteratur nicht empfohlen.
- Das Kind bestimmt das Tempo. Zwischen sechs und sechzehn Tagen ist alles normal, manchmal auch mehr.
- Die Kommunikation zwischen Eltern und Fachkräften ist in beiden Modellen zentral.
Fazit
Das Berliner und das Münchner Eingewöhnungsmodell sind keine gegensätzlichen Systeme, sondern komplementäre Herangehensweisen. Wer vor dem Kita-Start steht, muss sich nicht zwischen beiden entscheiden — die Kita hat in der Regel ihr bevorzugtes Modell. Was Eltern tun können: das eigene Modell kennen, verstehen, warum es so gestaltet ist, und die zentralen Prinzipien mittragen.
Beide Modelle funktionieren. Beide brauchen Geduld. Beide respektieren das Kind als Person mit eigenem Tempo. Wer diese drei Prinzipien verinnerlicht, bringt das Kind — unabhängig vom formalen Modell — durch die Eingewöhnung.
Häufige Fragen
Das Berliner Modell (Laewen, Andres, Hédervári) hat 4 Phasen, dauert 1–3 Wochen und basiert auf der Bindungstheorie. Erste Trennung: Tag 4. Das Münchner Modell (Beller-Projekt, Winner & Erndt-Doll) hat 5 Phasen, dauert 3–4 Wochen, basiert auf der Transitionsforschung. Erste Trennung: nach 1–2 Wochen.
Keines ist per se überlegen. Beide sind wissenschaftlich fundiert. Das Berliner Modell passt bei Kindern mit sicherer Bindung und stabilem Temperament und bei Eltern, die schnell wieder arbeiten müssen. Das Münchner Modell passt für sensible, vorsichtige oder spätzündende Kinder, die mehr Zeit brauchen.
Typischerweise ein bis drei Wochen (Braukhane & Knobeloch 2011). Das Kind bestimmt das Tempo. Die vier Phasen: Grundphase (Tag 1–3), erster Trennungsversuch (Tag 4), Stabilisierungsphase und Schlussphase.
Mindestens drei Wochen Zeit einplanen, ein Ritual einführen (Lied, Kuscheltier, Schnuffeltuch), immer ehrlich verabschieden (nie heimlich verschwinden), Rückschritte als normal akzeptieren und ein persönliches Lied als akustische Brücke zwischen Zuhause und Kita nutzen.
Beide verlangen die Anwesenheit einer vertrauten Bezugsperson in den ersten Tagen. Beide haben eine Mindestdauer von drei Tagen. In beiden bestimmt das Kind das Tempo. Und beide betonen die enge Kommunikation zwischen Eltern und Fachkräften.
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